Petak 21.9.2018.

Ein Konzentrationslager als Laufsteg

Jugoslawische Gedenkstätten des antifaschistischen Widerstands und Holocausts zu Marketingzwecken einer Modekampagne missbraucht

 Kürzlich wurden die sozialen Netzwerke von Links zu einer neuen Kampagne des australischen Unternehmens Valley Eyewear überflutet. Das Unternehmen, das spezialisiert ist auf die Herstellung und den Verkauf von Brillen, entschloss sich dazu, bedeutende Summen an Zeit und Geld in Marketingzwecke zu investieren und reiste zu diesem Zweck aus Australien in das Gebiet des ehemaligen Jugoslawien. Dort angekommen, wurden Modeshootings an etlichen Denkmälern und Gedenkstätten aufgenommen, die den antifaschistischen Schlachten und Opfern des faschistischen Terrors während des Zweiten Weltkriegs gewidmet sind.

Der in der Marketingkampagne am meisten vertretene, jedoch auch auf schockanteste Weise ausgebeutete Standort ist kein geringerer als jene Gedenkstätte, die sich auf dem Gelände des ehemaligen Ustascha-geführten Konzentrationslagers Jasenovac in Kroatien befindet. Laut offiziellen Angaben wurden dort zwischen August 1941 und April 1945 mehr als 83.000 Menschen auf brutalste Weise ermordet. Die Opfer waren hauptsächlich Serb_innen, Jüd_innen und Roma. Sie wurden aufgrund ihrer Rasse bzw. ethnischen Zugehörigkeit ermordet. Unter den Internierten waren aber auch, wenn auch in geringeren Maßen, Kroat_innen und Menschen anderer Nationalitäten die als politische und ideologische Oppositionelle des faschistischen Ustascha-Regimes galten. 

 

Eigenen Aussagen zufolge entschlossen sich die Macher_innen der morbiden Werbekampagne dazu, die ‚Atmosphäre‘ und die Motive der Gedenkstätte Jasenovac, ein Meisterwerk des Architekten Bogdan Bogdanović aus 1966, als Bühnenbild zu nutzen um einen ‚dramatischen‘ Eindruck für ihre Werbung für Sonnenbrillen zu generieren. Das Werbevideo, das beim Öffnen der Website des Unternehmens automatisch abgespielt wurde, ist mittels einer Drohne gefilmt worden. Die darin zu sehenden Models wurden gefilmt wie sie, ausgerüstet mit der aktuellsten Sonnenbrillenkollektion und gekleidet in lange, schwarze Mäntel, auf dem Gelände der Gedenkstätte Jasenovac stolzieren und posieren. Das Video ist mit dramatischer Musik untermalt und endet mit dem Einspielen des animierten Logos des Unternehmens, dessen Schriftart stark an nordische Runen – die kryptische Symbolik der gegenwärtigen Neo-Nazi Subkultur - erinnert. Das Video enthält keinerlei Informationen über den Standort, an dem das Video gedreht wurde, genauso wenig wie Informationen über dessen historische Bedeutung.

Außer des beschriebenen Videoclips besteht die Werbekampagne auch aus einer Anzahl an Fotos und Videos, die um das Denkmal, das auch als Steinblume (‚Kameni cvijet‘) bekannt ist, aufgenommen wurden. Darüber hinaus wurden die Modeaufnahmen im Inneren des Komplexes geschossen, der eigentlich als Ort besonderer Pietät gegenüber den Opfern gilt. 

Einige der Fotos, die auf den sozialen Netzwerken des Unternehmens geteilt wurden, versah Valley Eyewear mit Begleitkommentaren, die im Kontext von Werbung für Sonnenbrillen überaus ironisch und morbide klingen. So lautet ein Kommentar etwa, dass die Kampagne aufgenommen wurde „in Erinnerung an Tausende von Menschen, die auf diesem Gelände als dunkle Seite der Gefangenenlager des Zweiten Weltkriegs umgekommen sind“.

Anderenorts wird hingegen erwähnt, es handle sich um Zehntausende von Menschen. Offensichtlich ist, dass der Inhaber des Unternehmens, der angeblich an „Bewusstseinsschaffung“ interessiert ist, genaue Angaben zu Opferzahlen des Genozids und Holocausts an derartigen Orten des Schreckens nicht als überaus nötig erachtet.

Letzte Nacht wurde das besagte Video abgeändert und der inhaltliche Teil, der sich auf die Aufnahmen in Jasenovac bezieht, sowohl von der Homepage als auch von den sozialen Netzwerken des Unternehmens entfernt. Einen Beitrag dazu haben sicherlich Beschwerden und Anfragen von Individuen, als auch von jüdischen Organisationen sowie Organisationen anderer Minderheiten geleistet. Jedoch wurden nicht alle Aufnahmen von Jasenovac entfernt. Eine Reihe an Fotos, auf denen die wiedererkennbare Steinblume von Bogdanović nicht zu finden ist, befinden sich nach wie vor auf der Homepage, genauso wie sämtliches anderes Promotionsmaterial, das an anderen namhaften Standorten in Kroatien und des ehemaligen Jugoslawiens aufgezeichnet wurde.

In diesem Zusammenhang am erwähnenswertesten ist das Denkmal der Revolution des Volkes der Moslavina, das sich in Podgarić, Kroatien, befindet und das 1967 von Dušan Džamonja entworfen wurde. Valley’s Models, ausgestattet mit schwarzen Mänteln und Sonnenbrillen, springen von ebendiesem Denkmal oder posieren vor der Grabstätte, in der mehr als neunhundert Partisanenkämpfer_innen begraben liegen, die im Kampf gegen den Faschismus ums Leben kamen. In diesem konkreten Fall lassen sich um die Bedeutung des Standortes keinerlei Informationen finden, auch nicht in den Begleitkommentaren auf den sozialen Netzwerken von Valley Eyewear.  

 

 

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Eines der Fotos der Fotoserie, das sich auf dem Instagram Profil von Valley befindet, ist offensichtlich ein Archivfoto, welches ohne vorherige Autorisierung für die Werbezwecke des Unternehmens verwendet wird, da sich auf dem Foto ein klar erkennbares geschütztes Wasserzeichen der Fotothek des Belgrader Museums der Geschichte Jugoslawiens befindet. Dieses Foto zeigt die feierliche Enthüllung des Revolutions-Denkmals, auf der die jugoslawische Führungsriege inklusive des Präsidenten Josip Broz Tito und seiner Frau Jovanka Broz anwesend war. Der vage Begleitkommentar zum Foto auf Instagram lautet: „Geschichte wiederholt sich… Willkommen zu ‚BLACK ZERO‘.

Zudem kann man Werbeaufnahmen mit den Motiven des Gedenkhauses an die Schlacht an der Sutjeska (‚Bitka na Sutjesci‘, Anm. der Übersetzerin) und des Denkmals in Tjentište sehen. Die geschützte Gedenkstätte soll an die blutigste Schlacht in Jugoslawien, die von den Partisanen gegen die Achsenmächte und auf der Seite der Alliierten zwischen Mai und Juni 1943 ausgetragen wurde, erinnern. Vor dem Denkmal befindet sich auch die Grabstätte mit den sterblichen Überresten von 3301 Partisanenkämpfer_innen, die während dieser heroischen Schlacht umgekommen sind.  

 

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Der vielleicht problematischste Teil dieser ganzen Geschichte waren die E-Mail-Antworten des Inhabers von Valley Eyewear, Michael Crawley, auf eine Reihe von Anfragen und Beschwerden. Diese verlangten von ihm eine Erklärung über die Umstände, in denen die besagten Fotos entstanden sind und forderten ihn dazu auf, die gänzlich unangebrachte Werbung zu beseitigen. Eine seiner Antworten, die wir von einer anonymen Leserin aus Kanada weitergeleitet bekommen haben, lautet wie folgt:

Aus der angeführten Stellungnahme wird klar, dass Crawley ursprünglich weder die Absicht hatte, die Werbekampagne zu entfernen noch sich für diese zu entschuldigen. In Anbetracht der Geldsumme, die in diese Kampagne investiert wurde, wundert uns seine Reaktion nicht sonderlich, bezeugen wir doch tagtäglich die Ausbeutung der Lebenden gemäß der Logik des Kapitals. Warum sollten wir also überrascht sein, wenn die Toten von dieser Logik nicht verschont bleiben?

Jüngste Vorkommnisse, einschließlich der Aufnahme von Selfies an Gedenkorten des Holocausts, zogen entsetzte Reaktionen der Öffentlichkeit nach sich. Überdies warnt bereits seit einigen Jahren eine Reihe prominenter jugoslawischer sowie internationaler Autor_innen vor einer Orientalisierung und Banalisierung jugoslawischer Gedenkstätten und Denkmäler. Da es sich um die Erzeugung von Profit durch die Ausbeutung von Opfern des Faschismus handelt, stellt der Fall Valley Eyewear allerdings das bisher empörendste Beispiel an Respektlosigkeit gegenüber Opfern und der Kommerzialisierung von Gedenkstätten dar. 

Ebenfalls wirft diese ganze Geschichte die Frage nach der Verantwortung kroatischer Behörden auf, die für diese Gedenkstätten rechtlich zuständig sind. Wie war es überhaupt möglich, dass keine_r der Verantwortlichen der Gedenkstätte Jasenovac etwas über die Aufzeichnungen wusste oder versuchte, die Aufnahmen derart respektloser Inhalte auf einem geschützten Kulturgut von nationaler Bedeutung aufzuhalten? Können wir etwa noch mehr solcher oder ähnlicher kommerzieller Inhalte erwarten, die in Konzentrationslager-Gedenkstätten aufgenommen werden?

Wir verurteilen den ignoranten und ausbeuterischen Umgang mit Gedenkstätten für kommerzielle Zwecke auf das Schärfste. Darüber hinaus rufen wir zu einem internationalen BOYKOTT aller Valley Eyewear Produkte auf, bis das Unternehmen ihr ganzes Promotionsmaterial beseitigt hat, das an Standorten aufgenommen wurde, an denen dem antifaschistischen Widerstand gedacht wird, an denen Menschen im Kampf gegen den Faschismus ums Leben kamen und wo die Opfer begraben liegen.

Ferner verlangen wir eine offizielle Stellungnahme von der Verwaltung der Gedenkstätte Jasenovac, ebenso wie von den Zuständigen des kroatischen Kulturministeriums. Außerdem laden wir hiermit alle Organisationen, die sich in Kroatien sowie im restlichen ehemaligen Jugoslawien für den Schutz der Würde der Opfer des Genozids und des Holocausts einsetzen, zu einer Reaktion auf. 

Schließlich appellieren wir an die nationale und internationale Öffentlichkeit, die durch die Verbreitung dieser Information diesen Vorfall öffentlich verurteilen und zukünftige ähnliche Versuche eines unangemessenen Umgangs mit Opfern des Ustascha-Regimes, sowie den Opfern von allen anderen Formen der faschistischen und politischen Gewalt, Genoziden und des Holocausts verhindern soll.  

Das linke Foto, das vor zwei Tagen von der Facebook-Page von Valley Eyewear heruntergeladen wurde und nach wie vor auf dieser zu finden ist, zeigt die Gedenkstätte Jasenovac. Die Fotomontage auf der rechten Seite wurde auf der authentischen Aufnahme einer Exhumierung von sterblichen Überreste aus einem der Massengräber innerhalb des Ustascha-Lagers Jasenovac im Jahre 1946 gemacht. Als Inspiration für die Fotomontage diente das Projekt „Yolocaust“ des Deutsch-Israelischen Schriftstellers Shahak Shapira, mit dem er vor unangemessenen Fotografieren an Orten des Schreckens und an Gedenkstätten für die Opfer des Holocausts warnen wollte.